Die historische Bedeutung der Kinkebahn zwischen Aachen und Raeren
Zusammengestellt von Dr. Stefan Kirschgens, Aachen
Die Kinkebahn ist eine traditionsreiche Grenzstraße, die die Stadt Aachen in Deutschland und die Gemeinde Raeren in Belgien miteinander verbindet. Ihre Geschichte reicht von der Römerzeit bis in die Gegenwart und spiegelt die Entwicklung der Region und die wechselnden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse wider.
Beschreibung der Entwicklung
Römerzeit
Bereits in der Römerzeit war das Gebiet um Aachen durch ein Netz bedeutender Fernstraßen geprägt. Auch wenn keine eindeutigen Nachweise dafür existieren, dass die heutige Kinkebahn als Verkehrsweg genutzt wurde, lässt die Nähe zu römischen Siedlungen und Heerstraßen darauf schließen, dass das Gebiet bereits damals erschlossen war. Somit kann von einer frühen infrastrukturellen Bedeutung ausgegangen werden.
„Spuren römischer Besiedlung wurden in der Gegend um Raeren gefunden, genauer gesagt in der Umgebung von Eynatten und hauptsächlich am Ort „Schnellenberg“ sowie längs der bekannten Römerheerstraße „Kinkebahn“.“
(https://ostbelgienlive.be/PortalData/2/Resources/downloads/kultur/Archaeologisches_Potential_der_Gemeinde_Raeren.pdf, 24.11.2025)
„Unser Weg führt ostwärts auf besagter Kinkebahn, die Ihren Namen von den großen Pflastersteinen, den Kinken hat. Hier rollten schon zu römischen Zeiten die Ochsenkarren über das holprige Pflaster, die die Waren aus der Rheinschiene, von Colonia nach Reims und an die Nordseeküste brachten.“
„Weiter auf der Kinkebahn nach Westen kommen wir am Gut Landwehring vorbei, der Ursprung soll in der Römerzeit gewesen sein.“
(https://www.raeren-tourismus.be/angebot/eynatten-i-freyenter-wald/, 24.11.2025)
Mittelalter
Im Mittelalter lag die Kinkebahn nahe der Grenze zwischen dem Herzogtum Limburg und dem Aachener Reich („Aachener Reich“ bezeichnet ein Gebiet, das vom Mittelalter an bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Freie Reichsstadt Aachen sowie ihre nähere Umgebung außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer umfasste.). Die Straße diente vor allem als Wirtschaftsweg, den Bauern, Holzhauer und Händler nutzten. Erst ab dem Spätmittelalter finden sich dazu urkundliche Erwähnungen, die die Bedeutung der Kinkebahn als regionale Verbindungsachse bestätigen.
„… folgen wir der Kinkebahn, einem alten Handelsweg zwischen Eupen, Walhorn und Kornelimünster, den wahrscheinlich schon die Kelten nutzten und den die Römer, die in Kornelimünster eine Kultstätte namens Varnenum betrieben, weiter ausbauten. Der großflächige Laubwald, der einst die Region bedeckte, war spätestens bis zum Ende des Mittelalters, für Ackerbau und Holzwirtschaft gerodet. Für die Urbachmachung des Landes waren die Herzöge von Limburg im Eupener Land, die Abtei Kornelimünster im Münsterländchen die treibenden Kräfte. Zu den großen Holzabnehmern zählten das Eisenhütten- und Töpfereigewerbe, wie in Raeren, wo überregional bedeutsames Steinzeug gefertigt wurde. In der ehemaligen Burg ist heute ein renommiertes Töpfereimuseum beheimatet. Zum Butterländchen und Lieferanten für Milch und Fleisch wurde die Region Mitte des 19. Jhs., als die Nachfrage aus den anwachsenden Städten stieg und sich die Landschaft allmählich zur charakteristischen Weidelandschaft mit ihren alten Heckenparzellen wandelte.“
Ausschlaggebend für die Niederlassung der Töpfer in unserem Ort scheint uns die verkehrsgünstige Lage gewesen zu sein. Die Siedlungen Raeren und Neudorf lagen am Öslinger Weg, also an der sehr wichtigen Nord-Südverbindung. Außerdem führte im Norden Raerens die »Kinkebahn« vorbei, eine Römerstraße, welche die West-Ostverbindung war.
(https://static.geschichte.be/wp-content/uploads/gielen-raeren-und-die-raerener-im-wandel-der-zeiten-1.pdf, 24.11.2025), S. 36
Neuzeit (16.–18. Jahrhundert)
In der Neuzeit entwickelte sich die Kinkebahn zu einem wichtigen Handelsweg. Sie ermöglichte den Transport von Holz, Kohle und landwirtschaftlichen Produkten zwischen den Dörfern des „Münsterländchen“ (Bezeichnung deutsche Seite) und des „Butterländchens“ (Bezeichnung belgische Seite) beiderseits der Grenze. Mit der Festlegung der Landesgrenzen zwischen dem Heiligen Römischen Reich und den spanischen bzw. österreichischen Niederlanden wurde die Straße zudem zu einem offiziellen Grenzübergang für den Personen- und Warenverkehr.
Für die Töpfer in Raeren hatte die Kinkebahn eine zentrale Bedeutung, da sie als wichtiger Transportweg diente. Über die Straße konnten die in Raeren produzierten Keramikwaren effizient zu Märkten und Abnehmern in den Nachbarregionen, insbesondere nach Aachen und in weitere Städte (nachgewiesen bis Dänemark und Polen), gebracht werden. Die Kinkebahn erleichterte somit nicht nur den Handel, sondern trug auch maßgeblich zur wirtschaftlichen Entwicklung des Töpferhandwerks in Raeren bei.
Auch für die nahegelegene Abtei Kornelimünster spielte die Kinkebahn eine wichtige Rolle. Die Straße ermöglichte den Mönchen und Bewohnern der Abtei den Zugang zu Handelswegen, wodurch der Austausch von Gütern wie landwirtschaftlichen Erzeugnissen und handwerklichen Produkten erleichtert wurde. Zudem förderte die Kinkebahn die Verbindung der Abtei mit den umliegenden Gemeinden und Märkten, was die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der Abtei unterstützte.
„Die einzige feste Straße war die sog. Kinkebahn, ein Teilstück der alten Römerstraße, die von Westen nach Osten, in Richtung Kornelimünster führt. Ging die Reise zu einem Ort, der westlich oder östlich von Raeren lag, benutzte man diese Straße, die sich über Rovert und Berlotte hinzieht.“
https://static.geschichte.be/wp-content/uploads/gielen-raeren-und-die-raerener-im-wandel-der-zeiten-1.pdf, 24.11.2025, S.126
19. Jahrhundert
Nach dem Wiener Kongress im Jahr 1815 wurde die Kinkebahn zur Grenzstraße zwischen dem Königreich Preußen und dem neu entstandenen Königreich Belgien (ab 1830). Die politische Neuordnung verstärkte die Bedeutung der Straße als Grenzweg. Gleichzeitig wurde sie, bedingt durch unterschiedliche Zoll- und Steuerregelungen, häufig als Schmuggelroute genutzt. Dies ist durch zahlreiche Einträge in lokalen Archiven und Polizeiprotokollen dokumentiert.
20. Jahrhundert
Während des Ersten und Zweiten Weltkriegs war die Kinkebahn Schauplatz von militärischen Bewegungen. Besonders im Zweiten Weltkrieg nutzten Einheimische und Flüchtlinge die Straße, um in das jeweils andere Land zu gelangen. Nach 1945 blieb die Kinkebahn eine Grenzstraße mit Zoll- und Passkontrollen. Erst mit dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens im Jahr 1995 (26.3.1995 – Wegfall der Grenzkontrollen) entfielen die Grenzkontrollen, und die Kinkebahn wurde zu einer offenen Durchgangsstraße zwischen Belgien und Deutschland.
Gegenwart
Heute steht die Kinkebahn für die enge Verbindung zwischen Aachen und Raeren. Sie wird von Pendlern, Radfahrern und Wanderern regelmäßig genutzt und ist Teil grenzüberschreitender Projekte wie dem Vennbahn-Radweg. Die Straße symbolisiert die historische und kulturelle Verbundenheit der deutsch-belgischen Grenzregion und gilt als Beispiel für das Zusammenwachsen Europas.
Fazit
Die Kinkebahn war über Jahrhunderte hinweg ein bedeutender Verkehrs- und Grenzweg zwischen Aachen und Raeren. Ihre Entwicklung zeigt den Wandel von einer lokalen Wirtschaftsverbindung über eine Schmuggelroute bis hin zum Symbol europäischer Zusammenarbeit und Mobilität. Die wichtigsten belegbaren Fakten betreffen ihre Nutzung als Grenzstraße, Handelsroute, Schmuggelroute, Verkehrsweg und als Teil des heutigen grenzüberschreitenden Alltags.
Herkunft des Namens
Über die Herkunft des Namens gibt es unterschiedliche Annahmen: Der Name „Kinkebahn“ könnte sich von dem Begriff „kinken“ ableigen, der im regionalen Dialekt für „schaukeln“ oder „hin und her bewegen“ steht. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Straße vornehmlich als Handelsstraße für bewegte Transporte genutzt wurde. Eine andere Theorie besagt, dass „Kinke“ auf eine alte Bezeichnung für einen kleinen gepflasterten Weg (Kinke = grobe Pflaster) oder Pfad hinweist, was die Bedeutung der Straße als Verbindungsweg zwischen den Gemeinden unterstreicht.